Good Vibes Only: Wie ein Politikverbot ein Festival erst recht politisierte

Das Glücksgefühle-Festival wollte Politik von seiner Bühne fernhalten und löste damit eine Debatte über Demokratie, Meinungsfreiheit, Kunstfreiheit und Rechtsextremismus aus. Man hätte sich für eine Fallstudie über den Streisand-Effekt kaum eine bessere Dramaturgie ausdenken können.

Es gibt Kommunikationskrisen, die entstehen aus einem Unfall, einem Skandal oder einem Produkt, das plötzlich Feuer fängt, obwohl es laut Broschüre eigentlich nur Kaffee kochen sollte. Und dann gibt es jene Krisen, bei denen eine Organisation mit besten Absichten selbst den roten Knopf drückt, anschließend erstaunt auf die Sirenen schaut und sich fragt, warum es jetzt eigentlich so laut ist.

Das Glücksgefühle-Festival am Hockenheimring gehört eher zur zweiten Kategorie.

Die Grundidee war zunächst weder besonders radikal noch besonders schwer zu verstehen. Menschen kommen zu einem Festival, um Musik zu hören, Freunde zu treffen, zu tanzen und im Idealfall für ein paar Tage nicht darüber nachzudenken, wer gerade mit wem koaliert, welches Land welches andere bedroht oder warum die eigene Stromrechnung schon wieder aussieht, als hätte man heimlich einen mittelgroßen Aluminiumofen im Keller betrieben. Ein Festival darf Eskapismus anbieten. Dafür muss sich niemand entschuldigen.

Beim Glücksgefühle-Festival ging dieser Wunsch allerdings einen Schritt weiter. Politik sollte möglichst gar nicht erst auf die Bühne gelangen. Musik ja, politische Statements lieber nicht, und schon war man ziemlich nah an jener sympathisch klingenden Idee, die im Marketing gern mit zwei englischen Wörtern zusammengefasst wird: „Good Vibes Only“.

Das Problem begann dort, wo aus einem Stimmungsversprechen eine Regel wurde.

Alphaville sollte bei dem Festival auftreten. Sänger Marian Gold hatte sich bei früheren Veranstaltungen unter anderem gegen rechtsextreme Tendenzen und für Demokratie, Freiheit und Toleranz ausgesprochen. Nach Darstellung der Veranstalter hatten sich darüber Besucher beschwert, die auf einem Festival lieber abschalten wollten, als zwischen zwei Songs gesellschaftspolitische Botschaften zu hören.

Das kann man zunächst einmal zur Kenntnis nehmen. Wer 200 Euro für ein Festivalwochenende bezahlt, hat nicht automatisch einen heimlichen Wunsch nach einem Grundsatzreferat zur Reform der Schuldenbremse, nur weil gerade das Intro zum nächsten Song etwas länger dauert. Schwieriger wurde es erst mit der Konsequenz, die daraus gezogen wurde: Das Festival wollte politische Äußerungen auf der Bühne unterbinden, Alphaville wollte sich darauf nicht einlassen und die Band wurde ausgeladen.

Was danach geschah, ist kommunikativ fast zu hübsch, um wahr zu sein.

Das Festival erklärte öffentlich, seine Bühne gehöre der Musik und nicht der Politik, man stehe für gemeinsames Erleben, Freude und eben jene „Good Vibes Only“, die vermutlich auf einem Moodboard noch hervorragend ausgesehen hatten. In der Realität verwandelte sich der Satz binnen kürzester Zeit in eine Art unfreiwilligen Kommentar zur eigenen Entscheidung.

Nach Angaben des „Rolling Stone“ gingen allein innerhalb der ersten Stunde mehr als 1.000 Kommentare unter dem entsprechenden Instagram-Statement ein, viele davon kritisch. Andere Künstler positionierten sich, Tom Gregory eröffnete seinen Auftritt mit „Forever Young“, Nura griff den Song ebenfalls auf und plötzlich war ausgerechnet jenes Stück, dessen Sänger man nicht auf der Bühne haben wollte, überall.

Man muss ein gewisses Gespür für Ironie besitzen, um das wirklich würdigen zu können.

Kurz darauf folgte die Kehrtwende. Mitveranstalter Markus Krampe bezeichnete die Entscheidung öffentlich als falsch, entschuldigte sich und lud Alphaville wieder ein. Auch Lukas Podolski unterstützte die Korrektur. Alphaville nahm die Entschuldigung zur Kenntnis, sagte den Auftritt aber endgültig ab.

Damit war die Entscheidung zwar zurückgenommen, die Geschichte selbst ließ sich jedoch nicht mehr zurückholen, denn Kommunikation hat die unangenehme Eigenschaft, dass sie sich nach Veröffentlichung nicht mehr vollständig im Besitz ihres Absenders befindet. Man kann ein Statement löschen, relativieren, korrigieren oder mit einem neuen Statement überkleben, bis Instagram aussieht wie die Wand eines Teenagerzimmers im Jahr 1998. Die Bedeutung, die andere dem Vorgang inzwischen gegeben haben, verschwindet dadurch nicht.

Und damit sind wir ziemlich genau beim Streisand-Effekt.

Wenn das Verbot interessanter wird als die Botschaft

Der Begriff geht bekanntlich auf Barbra Streisand zurück, die 2003 juristisch gegen die Veröffentlichung eines Luftbildes ihres Hauses vorging. Das Bild hatte vorher kaum jemanden interessiert. Erst der Versuch, es aus der Öffentlichkeit zu bekommen, machte es zu einer großen Geschichte.

Beim Glücksgefühle-Festival funktioniert der Mechanismus erstaunlich ähnlich, nur mit mehr Bass und weniger kalifornischer Küstenlinie.

Hätte Marian Gold bei einem regulären Auftritt ein oder zwei Minuten über Demokratie, Freiheit und Rechtsextremismus gesprochen, wäre vermutlich nichts Weltbewegendes passiert. Ein Teil des Publikums hätte applaudiert, ein anderer vielleicht mit den Augen gerollt und einige hätten die Gelegenheit genutzt, sich ein neues Getränk zu holen, weil gesellschaftspolitische Einordnungen bei Festivals traditionell auch hervorragende Toilettenfenster sind.

Durch das Verbot änderte sich jedoch die Frage.

Plötzlich ging es nicht mehr nur darum, was Marian Gold sagen wollte, sondern darum, warum er es nicht sagen sollte. Genau in diesem Moment wird aus einer Äußerung ein Symbol, und Symbole besitzen die lästige Eigenschaft, dass sie sich hervorragend weitertragen lassen.

Dazu kommt etwas, das Psychologen Reaktanz nennen und normale Menschen vermutlich mit einem Satz wie „Jetzt erst recht“ beschreiben würden. Sobald wir den Eindruck bekommen, dass uns jemand eine Möglichkeit nehmen will, wächst der Wunsch, genau diese Möglichkeit zu verteidigen. Das gilt für Kinder vor der Süßigkeitenschublade genauso wie für Künstler auf einer Festivalbühne, nur dass Letztere im Zweifel über Mikrofone, Lichtanlagen und ein paar Zehntausend Zuhörer verfügen.

So bekam das Festival am Ende genau jene Politisierung, die es eigentlich verhindern wollte, nur in größer, lauter und mit einem Alphaville-Refrain darunter.

Der Streisand-Effekt ist deshalb für Kommunikationsverantwortliche weniger eine lustige Geschichte aus der Frühzeit des Internets als eine ziemlich unangenehme Erinnerung daran, dass ein Verbot selbst zur Botschaft werden kann. Vor jeder Entscheidung dieser Art sollte man sich deshalb nicht nur fragen, ob man etwas unterbinden möchte, sondern auch, welche Geschichte darüber entsteht, sobald öffentlich bekannt wird, dass man es unterbinden wollte.

Diese zweite Geschichte ist häufig die interessantere.

„Keine Politik“ klingt klar, bis jemand fragt, was Politik eigentlich ist

Der eigentliche Fehler des Festivals lag deshalb vermutlich schon vor der Ausladung von Alphaville. Er steckte in zwei scheinbar harmlosen Wörtern: „keine Politik“.

Das klingt wunderbar eindeutig, solange niemand nachfragt.

Eine Wahlempfehlung ist ziemlich offensichtlich politisch. Eine Bühne für eine bestimmte Partei oder einen Kandidaten ebenfalls. Und wenn ein Künstler zwischen zwei Dance-Tracks zwanzig Minuten über die steuerliche Behandlung von Kapitalerträgen sprechen möchte, darf ein Veranstalter vermutlich völlig zu Recht darauf hinweisen, dass noch ein Headliner wartet.

Aber was ist mit einem Satz gegen Rassismus? Mit einem Bekenntnis zu Demokratie und Toleranz? Mit „Love is love“? Mit einem Statement gegen Antisemitismus?

All diese Aussagen haben eine politische Dimension, aber sie sind nicht dasselbe wie Parteipolitik.

Genau diese Unterscheidung hätte das Festival gebraucht.

Ein Veranstalter kann ohne Weiteres sagen, dass er keine Wahlwerbung, keine Parteipropaganda und keine ausufernden politischen Reden auf seiner Bühne möchte. Damit kann ein Künstler etwas anfangen. Man kennt die Grenze, kann vorher darüber sprechen und muss anschließend nicht überrascht feststellen, dass der eine unter „Politik“ eine Wahlempfehlung versteht, während der andere bereits einen Satz über Menschenwürde für verdächtig staatsbürgerkundlich hält.

„Keine Politik“ ist dagegen eine jener Regeln, die so lange gut funktionieren, wie niemand sie anwenden muss.

Das kennt man aus Unternehmen. „Bitte professionell auftreten“ klingt prima, bis jemand definieren soll, was damit konkret gemeint ist. „Wir wollen keine kontroversen Themen“ wirkt beruhigend, bis zwei Menschen darüber sprechen, ob bereits ein Regenbogen auf einem Plakat kontrovers ist. Und „Good Vibes Only“ kann eine charmante Einladung zum Feiern sein, bis plötzlich geklärt werden muss, ob Demokratie noch als gute Stimmung durchgeht.

Das Problem ist also weniger, dass ein Festival Grenzen setzen wollte. Das Problem ist, dass es eine Grenze formulierte, deren Verlauf offenbar niemand vorher wirklich festgelegt hatte.

Man darf auf einem Festival auch einfach tanzen

Dabei lohnt es sich, die Gegenposition nicht lächerlich zu machen, denn der Wunsch nach einem unbeschwerten Festival ist weder naiv noch moralisch fragwürdig.

Ich halte wenig von dem Satz „Alles ist politisch“, jedenfalls dann, wenn er so verwendet wird, als müsse jeder Mensch beim Frühstück schon seine Position zur europäischen Agrarpolitik mit dem Brötchenbelag abstimmen. Nicht alles, was wir tun, braucht eine politische Deutung, und nicht jeder Abend wird dadurch wertvoller, dass jemand zwischendurch noch die Weltlage erklärt.

Menschen dürfen abschalten. Sie dürfen für ein Wochenende tanzen, trinken, flirten, mitsingen und den Nachrichtenticker ignorieren. Wer auf ein Festival geht, um drei Tage lang nicht über Trump, die AfD, Gaza, die Ukraine oder die nächste Stromrechnung nachzudenken, begeht damit keinen demokratischen Verrat.

Nur folgt daraus nicht, dass Kultur selbst gesellschaftlich neutral wäre.

Musik, Filme, Bücher und Kunst handeln nun einmal von Menschen, und Menschen bringen ihre Vorstellungen von Liebe, Freiheit, Herkunft, Geschlecht, Gerechtigkeit und Zusammenleben mit. Manchmal bleibt das unpolitisch, manchmal bekommt es eine politische Dimension, und gelegentlich entscheidet darüber weniger der Inhalt als die Frage, was eine Gesellschaft gerade als selbstverständlich empfindet.

Ein Musiker kann beispielsweise sagen, dass seine Frau heute im Publikum steht, ohne dass am nächsten Morgen jemand titelt: „Popstar politisiert Festival mit heterosexuellem Statement“. Sagt ein anderer Musiker denselben Satz über seinen Mann, kann die identische Geste in bestimmten Milieus plötzlich als Haltung oder gar Provokation gelesen werden.

Der Unterschied liegt nicht in der Formulierung.

Er liegt darin, was wir gewohnt sind.

Der Status quo besitzt ein erstaunliches Talent, sich selbst für neutral zu halten. Erst die Abweichung bekommt ein Etikett.

Genau deshalb lässt sich ein kultureller Raum nicht einfach administrativ „unpolitisch“ stellen. Man kann festlegen, dass keine Parteiveranstaltung stattfinden soll. Man kann Grenzen gegen Hass, Gewalt oder strafbare Inhalte setzen. Aber man kann nicht verhindern, dass Kunst und Gesellschaft sich gelegentlich berühren, ohne am Ende eine ziemlich sterile Form von Unterhaltung zu produzieren, bei der Künstler am besten nur noch Songtitel, Wetterlage und Öffnungszeiten der Getränkestände kommentieren.

Meinungsfreiheit ist trotzdem kein Freifahrtschein für jede Bühne

Auf der anderen Seite hilft es der Debatte auch nicht, jede Entscheidung eines privaten Veranstalters sofort in die Nähe staatlicher Zensur zu rücken.

Marian Gold sprach zeitweise von einem „Maulkorberlass“ und zog Vergleiche zu Diktaturen. Das erzeugt Aufmerksamkeit, ist für eine sachliche Einordnung aber eine Nummer zu groß.

Das Glücksgefühle-Festival ist nicht der Staat. Ein privater Veranstalter darf grundsätzlich entscheiden, wen er engagiert und welche Bedingungen für eine Veranstaltung gelten. Kein Künstler besitzt ein allgemeines Grundrecht auf einen bestimmten Slot am Hockenheimring.

Damit ist allerdings nur die juristische Ebene beschrieben.

Kommunikativ kann eine völlig zulässige Entscheidung trotzdem erstaunlich schlecht sein, und Unternehmen beweisen regelmäßig, dass zwischen „Wir dürfen das“ und „Das sollten wir tun“ ein Gelände liegt, auf dem man sich hervorragend verlaufen kann.

Für einen Veranstalter reicht deshalb die Frage nach dem Recht nicht aus. Er muss sich auch fragen, was seine Entscheidung über ihn erzählt.

Beim Glücksgefühle-Festival wurde aus einer möglicherweise nachvollziehbaren organisatorischen Überlegung jedenfalls sehr schnell eine ganz andere Geschichte. Öffentlich ging es irgendwann nicht mehr darum, ob politische Redebeiträge die Dramaturgie eines Musikfestivals stören könnten. Es ging darum, ob ein Sänger auf einer Bühne gegen Rechtsextremismus und für Demokratie sprechen darf.

Das war vermutlich nicht das Spielfeld, auf dem die Veranstalter landen wollten.

Aber dort standen sie nun.

Ein volles Beschwerdepostfach ist noch keine Volksabstimmung

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Rolle der Beschwerden, denn Organisationen neigen dazu, die Lautstärke einzelner Rückmeldungen mit gesellschaftlicher Bedeutung zu verwechseln.

Das ist menschlich. Wenn zehn empörte Mails nacheinander im Postfach landen, fühlt sich das schnell an, als hätte sich draußen bereits eine Demonstration formiert. Tatsächlich können es aber immer noch zehn Menschen sein.

Umgekehrt gilt natürlich dasselbe für die Gegenreaktion. Tausende kritische Kommentare unter einem Instagram-Post sind ein klares Signal dafür, dass ein Thema mobilisiert, aber sie sind keine repräsentative Erhebung darüber, was sämtliche Festivalbesucher oder gar die deutsche Bevölkerung denken.

Offene Online-Abstimmungen ändern daran wenig. Wer freiwillig auf einen Link klickt, weil ihn ein Thema stark beschäftigt, ist definitionsgemäß nicht unbedingt der ideale Stellvertreter für alle, die gerade etwas anderes tun.

Vielleicht genügt an dieser Stelle ein einfacher Satz: Lautstärke ist keine Marktforschung.

Das bedeutet nicht, Beschwerden zu ignorieren. Es bedeutet nur, genauer hinzusehen.

Wie viele Menschen haben sich tatsächlich beschwert? Ging es um die politische Richtung einer Aussage oder darum, dass überhaupt gesprochen wurde? War die Länge das Problem? Der Ton? Eine konkrete Parteiempfehlung?

Das klingt weniger spektakulär als eine Grundsatzdebatte über die Rolle der Kunst, wäre für die Entscheidung des Veranstalters aber vermutlich hilfreicher gewesen.

Wer einen Künstler bucht, bekommt im Zweifel auch eine Persönlichkeit

Ein weiterer Punkt wirkt im Rückblick fast ein wenig kurios: Ein Festival sollte ungefähr wissen, wen es engagiert.

Der Branchenvertreter Holger Jan Schmidt vom europäischen Festivalverband YOUROPE hat darauf hingewiesen, dass Veranstalter Künstler üblicherweise in Kenntnis ihrer Auftritte und öffentlichen Positionierungen buchen und politische Äußerungen in Gastspielverträgen keineswegs standardmäßig ausgeschlossen würden.

Eigentlich sollte das nicht überraschen.

Wer einen Musiker bucht, bestellt keine Spotify-Datei, die zufällig Arme und Beine besitzt.

Künstler bringen eine Biografie, ein öffentliches Profil, Überzeugungen und ein Publikum mit. Genau diese Mischung macht sie häufig überhaupt erst interessant. Wer eine Persönlichkeit wegen ihrer Bekanntheit einkauft und sich später wundert, dass diese Persönlichkeit eine eigene Meinung besitzt, hat möglicherweise nicht das Künstlerproblem, für das er es zunächst hält.

Dasselbe gilt für Influencer, Markenbotschafter, Speaker und Testimonials. Unternehmen mögen Persönlichkeit ausgesprochen gern, solange sie sich zuverlässig in die eigene Kampagne einfügt. Schwierig wird es, wenn sich herausstellt, dass Persönlichkeiten nicht über einen Schalter verfügen, mit dem man einzelne Überzeugungen vor Veranstaltungsbeginn deaktivieren kann.

Professionelle Vorbereitung heißt deshalb nicht Gesinnungskontrolle. Man sollte nur wissen, wen man sich auf die Bühne holt.

Wer vorher hinschaut, muss hinterher seltener überrascht sein.

Und dann war da noch „Good Vibes Only“

Für Markenmenschen besitzt der Fall noch eine zusätzliche Pointe, weil ausgerechnet der eigene Claim die Krise fast schon kommentierte.

„Good Vibes Only“ ist als Festivalversprechen hervorragend geeignet. Man sieht Konfetti, Sonnenuntergänge, Menschen mit hochgerissenen Armen und vermutlich irgendwo eine Kamera, vor der gerade jemand sehr glücklich einen überteuerten Aperol hält.

Dann kommt eine Debatte darüber, welche Meinungen auf der Bühne erwünscht sind, und derselbe Satz klingt plötzlich vollkommen anders.

Nun kann „Good Vibes Only“ auch gelesen werden als: Bitte nur Gedanken äußern, die nicht stören.

Das war mit großer Wahrscheinlichkeit nie so gemeint. Es ist trotzdem eine naheliegende Lesart, und Marken können sich leider nicht aussuchen, wann die Öffentlichkeit beginnt, Claims gegen die Wirklichkeit zu halten.

Wer Nachhaltigkeit verspricht, bekommt den Satz beim nächsten Umweltskandal zurück. Wer Vielfalt plakatiert, muss sich bei Diskriminierung daran messen lassen. Wer behauptet, Kunden stünden im Mittelpunkt, sollte darauf hoffen, dass niemand länger als 45 Minuten in der Hotline hängt.

Markenversprechen funktionieren ein bisschen wie Schuldscheine. Solange niemand sie einlöst, sehen sie hübsch aus.

Beim Glücksgefühle-Festival verwandelte sich „Good Vibes Only“ deshalb vom sympathischen Motto in eine unfreiwillige Frage: Wie viel schlechte Stimmung darf eine gute Stimmung eigentlich aushalten?

Was man hätte tun können, ohne daraus eine Staatsaffäre zu machen

Im Rückblick wirkt die Lösung erstaunlich unspektakulär.

Das Festival hätte beispielsweise sagen können, dass es keine Wahlwerbung und keine Parteipropaganda auf der Bühne möchte und längere politische Redebeiträge nicht zum Veranstaltungskonzept gehören. Persönliche und gesellschaftliche Äußerungen der Künstler bleiben davon unberührt, solange sie sich im gesetzlichen Rahmen bewegen.

Auch darüber hätte man streiten können.

Aber man hätte immerhin gewusst, worüber.

Gleichzeitig hätte es geholfen, Beschwerden zunächst genauer einzuordnen und sich vor der Buchung anzusehen, wie ein Künstler üblicherweise auftritt. Keine dieser Maßnahmen klingt nach revolutionärer Kommunikationsstrategie, was vermutlich ein gutes Zeichen ist.

Die meisten Krisen entstehen schließlich nicht, weil irgendwo ein finsterer Masterplan scheitert. Oft beginnt alles mit einer unscharfen Regel, gefolgt von einer schnellen Entscheidung, gefolgt von einem Statement, das die unscharfe Regel öffentlich verteidigen soll und dabei erst sichtbar macht, wie unscharf sie eigentlich war.

So etwas passiert.

Entscheidend ist, was danach geschieht.

Die Entschuldigung war richtig, jetzt braucht es keine Läuterungsoper

Dass Markus Krampe die Entscheidung später öffentlich als falsch bezeichnete und sich entschuldigte, war deshalb richtig.

Damit ist mehr gewonnen als mit jener besonders beliebten Variante der Krisenkommunikation, in der Organisationen erklären, ihre Aussagen seien „missverstanden“ worden, als hätte die Öffentlichkeit kollektiv beim Lesen versagt.

Das Festival müsste nun eigentlich nur noch konkret sagen, was es aus dem Vorgang gelernt hat. Etwa, dass man Parteipolitik und gesellschaftliche Haltung künftig deutlicher voneinander unterscheiden will und die Regeln für Auftritte entsprechend präzisiert.

Das genügt.

Es braucht keine wochenlange Kampagne darüber, wie sehr man Demokratie nun wirklich schätzt, kein Entschuldigungsvideo mit ernster Musik und wahrscheinlich auch keine Führungskraft vor schwarzem Hintergrund, die fünf Minuten lang „Verantwortung übernehmen“ sagt, ohne einmal zu erklären, was sich am Montagmorgen tatsächlich ändert.

Glaubwürdige Krisenkommunikation ist häufig erstaunlich unspektakulär: Fehler benennen, Konsequenz erklären, weitermachen.

Eine Organisation muss nach einer Krise nicht erreichen, dass niemand mehr über sie spricht. Sie sollte nur wieder so klar sein, dass Menschen verstehen, wofür sie steht.

Vielleicht ist „unpolitisch“ ohnehin das falsche Ziel

Am Ende bleibt die grundsätzlichere Frage, ob ein Festival überhaupt versuchen sollte, vollständig unpolitisch zu sein.

Ich glaube nicht.

Das bedeutet nicht, dass nun jeder DJ vor dem Drop noch kurz die Außenpolitik der Europäischen Union einordnen sollte. Marken müssen nicht zu jeder politischen Frage eine Position veröffentlichen, und Veranstalter dürfen sehr wohl sagen, dass bei ihnen Musik und Unterhaltung im Mittelpunkt stehen.

Ein Hersteller von Industriepumpen darf Industriepumpen herstellen, ohne morgens erst seine außenpolitische Haltung auf LinkedIn zu erklären.

Auch ein Musikfestival darf einfach ein Musikfestival sein.

Vielleicht lautet das bessere Ziel aber nicht „unpolitisch“, sondern pluralistisch.

Ein Festival ist dann kein Ort, an dem Politik magisch verschwindet, sondern einer, an dem Menschen zusammenkommen können, obwohl sie bei politischen Fragen nicht dasselbe denken.

Das ist ohnehin die interessantere Leistung.

70.000 Menschen können denselben Refrain singen und wenige Wochen später bei einer Wahl vollkommen unterschiedliche Kreuze setzen. Sie müssen ihre Unterschiede dafür nicht abgeben. Sie müssen nicht einmal so tun, als wären sie sich einig.

Für ein paar Stunden gibt es schlicht etwas anderes, das sie miteinander verbindet.

Das klingt weniger glatt als „Good Vibes Only“, aber vielleicht ist es genau deshalb näher am echten Leben.

Was von der Geschichte bleibt

Das Glücksgefühle-Festival wollte verhindern, dass politische Botschaften seine Veranstaltung bestimmen, und bekam am Ende eine bundesweite Debatte über Meinungsfreiheit und Demokratie. Es wollte Alphaville wegen gesellschaftspolitischer Äußerungen von der Bühne fernhalten, woraufhin andere Künstler genau diese Debatte aufgriffen und „Forever Young“ zum Symbol des Konflikts machten.

Viel anschaulicher kann Kommunikation kaum zeigen, dass Kontrolle ihre Grenzen hat.

Organisationen können Regeln formulieren, Entscheidungen treffen und erklären, was sie beabsichtigen. Sie können aber nicht verbindlich festlegen, welche Bedeutung eine Öffentlichkeit diesen Entscheidungen gibt.

Gerade deshalb sollte vor einem Verbot eine Frage stehen, die in Krisenhandbüchern vermutlich weniger elegant klingt als sie praktisch ist:

Was passiert eigentlich, wenn morgen alle erfahren, dass wir genau das verbieten wollten?

Manchmal ist die Antwort vollkommen harmlos.

Und manchmal spielen am Ende mehrere Künstler „Forever Young“.

Das Glücksgefühle-Festival wollte seinen Besuchern ein paar Tage gute Stimmung bieten. Daran ist nichts falsch, und niemand muss auf einem Festival permanent an den Zustand der Welt erinnert werden.

Nur lässt sich die Welt am Eingang eben nicht zusammen mit Glasflaschen und großen Taschen abgeben.

Künstler bringen ihre Haltungen mit, Besucher ihre unterschiedlichen Überzeugungen und Kultur gelegentlich jene Reibung, die entsteht, wenn beides aufeinandertrifft.

Damit kann man umgehen.

Man sollte nur nicht erwarten, dass es verschwindet, weil man „Good Vibes Only“ auf das Plakat geschrieben hat.

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