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Der Klopp-Effekt: Wie Persönlichkeiten Marken Bedeutung geben

Beiträge mit Jürgen Klopp erzielen auf den DFB-Kanälen laut einer Auswertung von GMPLN erheblich mehr Interaktionen als Beiträge ohne ihn. Für das Marketing ist das eine interessante Beobachtung und eine Einladung zu erstaunlich voreiligen Gewissheiten. Was die Forschung über Persönlichkeit, Weitergabe und Vertrauen erklärt, reicht deutlich weiter als die Forderung, künftig öfter den Chef zu fotografieren.

Im Markenworkshop lässt sich fast alles beschließen: wofür man steht, wie man klingt und weshalb man jetzt unbedingt „nahbar“ ist. Schwierig wird es beim Publikum. Das war nicht eingeladen und hat bislang erstaunlich wenig Interesse am Protokoll gezeigt.

Dann taucht Jürgen Klopp in einer Auswertung auf: 48.000 Likes statt 4.100, 7.800 Shares statt 238. Angesichts solcher Abstände liegt der nächste Beschluss nahe: Wir brauchen mehr Persönlichkeit. Bis zur nächsten Redaktionskonferenz soll die Geschäftsführung bitte Charisma liefern, möglichst im Hochformat.

Die Zahlen verdienen eine genauere Betrachtung. Denn sie führen zu einer Frage, die für Markenführung wesentlich ist: Was geschieht, wenn eine Person zum Träger der Erwartungen an eine ganze Organisation wird? Um das zu verstehen, muss man zwischen Aufmerksamkeit, zugeschriebener Bedeutung und Vertrauen unterscheiden. Die drei Größen lassen sich auf einer Präsentationsfolie bequem zusammenschieben. In der Wirklichkeit bleiben es drei verschiedene Dinge.

Beeindruckende Zahlen mit einigen offenen Fragen

Die GMPLN-Grafik betrachtet 29 DFB-Kanäle auf Instagram, Facebook, LinkedIn, TikTok, Twitch, Weibo und YouTube vom 1. Juli bis zum 6. Oktober 2026. Sie weist für Beiträge mit Klopp-Bezug deutlich höhere Werte pro Post aus.

Besonders auffällig ist der Abstand bei den Shares. Die betreffenden Inhalte werden erheblich häufiger weitergegeben. Der Begleittext zur Veröffentlichung nennt 54 Klopp-Beiträge unter rund 8.500 Posts. Eine vollständige Beschreibung der Auswertung und die Rohdaten liegen nicht vor.

Das begrenzt die Aussagekraft. Absolute Interaktionen pro Beitrag zeigen nicht, welcher Anteil der erreichten Personen reagiert hat. Offen bleibt außerdem, wie sich Plattformen, Kanalgrößen, Formate und mögliche Werbebudgets zwischen den Gruppen unterscheiden. Wenige besonders erfolgreiche Beiträge können Durchschnittswerte stark beeinflussen.

Auch der Zeitpunkt ist relevant: Der DFB stellte Klopp am 24. Juli 2026 als neuen Bundestrainer vor. Das untersuchte Zeitfenster umfasst damit einen besonderen Nachrichtenanlass. Der Vergleich kann dessen Wirkung nicht vom Einfluss der Persönlichkeit trennen.

Wissenschaftlich handelt es sich um einen deskriptiven Befund, der Hypothesen nahelegt. Ein isolierter, kausaler „Klopp-Effekt“ auf Vertrauen, Kaufverhalten oder Markenwert ist damit nicht nachgewiesen. Die Zahl 33 wirkt auf einer Folie erfreulich eindeutig. Die fehlenden Vergleichsdaten werden dadurch leider nicht nachgeliefert.

Markenwerte bekommen durch das Handbuch zunächst eine Seitenzahl

Eine Organisation bleibt für Außenstehende in weiten Teilen unsichtbar. Ihre Kompetenz verteilt sich auf Beschäftigte, Entscheidungen und Abläufe. Markenwerte wie „Verlässlichkeit“ gewinnen durch ihre Aufnahme ins Handbuch zunächst eine Seitenzahl. Damit daraus eine Erwartung beim Kunden wird, braucht es Erfahrungen, Beobachtungen oder glaubwürdige Anhaltspunkte.

Hier können Personen eine besondere Rolle spielen. Wer über Jahre eine erkennbare Arbeitsweise gezeigt hat, bringt eine Geschichte mit. Sein Auftreten kann Erinnerungen und Wertvorstellungen aufrufen, die eine Organisation andernfalls aufwendig erklären müsste.

Grant McCracken beschreibt diesen Zusammenhang in seinem Meaning-Transfer-Modell: Prominente tragen kulturelle Bedeutungen, die durch Werbung auf Produkte und anschließend auf deren Konsumenten übergehen können. Das Modell erweitert den Blick über Bekanntheit und Attraktivität hinaus auf die Frage, wofür eine Person im öffentlichen Verständnis steht.

Bei Klopp wäre beispielsweise zu untersuchen, ob Zuschreibungen wie Einsatzbereitschaft, Gemeinschaft oder Aufbruch auf den DFB übertragen werden. Das Modell liefert hierfür eine theoretische Perspektive. Da ein Bundestrainer zugleich Verantwortung für die sportliche Arbeit trägt, lässt sich die Situation allerdings nur analog mit einem klassischen Werbetestimonial vergleichen.

Für Unternehmen ergibt sich daraus eine anspruchsvolle Aufgabe: Sie müssen verstehen, welche Erwartungen ihre Repräsentanten wecken und ob das eigene Handeln dazu passt. Wer die Person ausschließlich nach ihrer Reichweite auswählt, hat eine messbare Auswahl getroffen. Eine inhaltlich begründete ist es deshalb noch nicht.

Ein Fototermin ist noch keine Beziehung

Donald Horton und Richard Wohl beschrieben bereits 1956, wie Mediennutzer das Gefühl persönlicher Nähe zu öffentlich auftretenden Menschen entwickeln können. Diese parasoziale Beziehung beruht auf wiederholter medialer Begegnung, ohne die Gegenseitigkeit einer persönlichen Bekanntschaft zu besitzen.

Bei einem langjährig präsenten Fußballtrainer liegt diese Erklärung nahe. Menschen haben möglicherweise Interviews verfolgt, Erfolge miterlebt und Reaktionen auf Niederlagen beobachtet. Ein neuer Beitrag trifft damit auf eine vorhandene Geschichte. Ob diese Bindung die vorliegenden Interaktionszahlen beeinflusst, müsste gesondert untersucht werden.

Für Unternehmen ist gerade diese Vorgeschichte entscheidend. Ein Mitarbeiterporträt ersetzt sie so wenig, wie die Bildunterschrift „Wir sind eine Familie“ ein gutes Betriebsklima herstellt. Sichtbarkeit eröffnet zunächst die Möglichkeit, jemanden kennenzulernen.

Wer Fachleute regelmäßig verständlich über reale Probleme sprechen lässt, gibt dem Publikum dagegen Anhaltspunkte, Kompetenz und Haltung über die Zeit einzuschätzen. Dafür braucht es erkennbare Inhalte und nachvollziehbares Handeln. Die beschlossene Nahbarkeit wird erst interessant, wenn jemand tatsächlich etwas zu sagen hat.

Ein Share ist kein Treueeid auf das Logo

Die hohe Zahl der Shares lenkt den Blick auf eine weitere Ebene. Wer einen Beitrag weiterleitet, verwendet ihn in einer sozialen Beziehung. Ein Inhalt kann gemeinsame Vorfreude ausdrücken, eine Diskussion eröffnen oder einem Kollegen bei einer Entscheidung helfen. Er kann ebenso Gegenstand von Spott oder Widerspruch werden.

Alixandra Barasch und Jonah Berger untersuchten in sechs Studien, wie die Größe des angesprochenen Publikums die Inhaltsauswahl beeinflusst. Bei Kommunikation an mehrere Menschen rückte die Selbstdarstellung stärker in den Vordergrund. Im Austausch mit einer einzelnen Person gewann der Nutzen für diesen Empfänger an Gewicht.

Der Informationswert eines Beitrags erklärt seine Weitergabe deshalb nicht allein. Ein Inhalt muss in einer konkreten sozialen Situation verwendbar sein. Die Klopp-Zahlen verraten allerdings weder, in welchen Situationen geteilt wurde, noch welche Motive dahinterstanden.

Für das B2B-Marketing führt das zu einer produktiven Frage: Wobei hilft ein Beitrag demjenigen, der ihn weitergibt? Eine nachvollziehbare Erklärung kann einer Führungskraft helfen, intern ein Risiko zu erläutern. Ein dokumentierter Anwendungsfall kann einem Projektteam Material für seine Entscheidung liefern.

Der Empfänger muss mit dem Inhalt etwas anfangen können. Die Information, dass beim Absender wieder ein Platz im Redaktionsplan gefüllt wurde, hat für ihn einen eher begrenzten Gebrauchswert.

Das Diagramm steigt. Was genau ist eigentlich gestiegen?

Auch die emotionale Wirkung von Inhalten ist für deren Verbreitung relevant. Jonah Berger und Katherine Milkman untersuchten Online-Artikel der New York Times und ergänzten ihre Analyse durch Experimente. Ihre Ergebnisse sprechen dafür, dass aktivierende Gefühle die Weitergabe fördern können. Dazu gehören positive Emotionen ebenso wie Ärger oder Angst.

Das verändert die Bewertung vermeintlich erfolgreicher Beiträge. Wenn sich unter einem Post alle streiten, hat die Marke zunächst einen Anlass zum Streiten geliefert. Das Diagramm kann trotzdem freundlich nach oben zeigen. Ob der Vorgang Vertrauen schafft, lässt sich aus der Kommentarzahl nicht ablesen.

Philosophisch berührt das die Frage, wie öffentliche Geltung entsteht. Eine Person kann stellvertretend für eine Organisation wahrgenommen werden und Erwartungen an deren Zukunft bündeln. Dadurch wird Komplexität überschaubarer. Zugleich entsteht das Risiko, die Anziehungskraft des Repräsentanten mit der Qualität der gesamten Organisation gleichzusetzen.

Max Webers Überlegungen zum Charisma verdeutlichen diese Spannung. Charismatische Autorität beruht auf zugeschriebenen außergewöhnlichen Eigenschaften und deren Anerkennung. Bleibt die Bewährung dauerhaft aus, kann diese Autorität schwinden. Auf Markenführung übertragen ist das ein Deutungsrahmen: Persönliche Ausstrahlung kann Erwartungen wecken; das Unternehmen muss ihnen anschließend in seiner Leistung entsprechen.

Ein sympathischer Absender verschafft der Organisation damit keine dauerhafte Befreiung von der Wirklichkeit. Kunden werden weiterhin erleben, ob Zusagen eingehalten und Probleme gelöst werden. Für diese Begegnung mit dem Unternehmen steht die Kommunikation mit ihrem Versprechen ein.

Der Firmen-Klopp muss nicht erst gecastet werden

Für mittelständische Unternehmen liegt eine sinnvolle Konsequenz darin, vorhandene Kompetenz sichtbar zu machen. Eine Entwicklungsleiterin, ein Servicetechniker oder eine erfahrene Projektverantwortliche kann erklären, welche Entscheidungen hinter einer Leistung stehen. Ob das wirkt, hängt von Thema, Publikum und Umsetzung ab und sollte überprüft werden.

Ein Maschinenbauer könnte etwa zeigen, wie sein Serviceteam einen wiederkehrenden Fehler untersucht und dessen Ursache beseitigt. Dabei werden Problemlösung und Verantwortlichkeit konkret. Der Zuschauer erhält Anhaltspunkte dafür, was das Unternehmen unter Service versteht. Der ergänzende Satz „Wir leben Service“ wäre unter diesen Umständen womöglich erstmals entbehrlich.

Für den Markenaufbau ist außerdem relevant, wem die gewonnene Aufmerksamkeit zugerechnet wird. Bleiben ausschließlich der Name und die Persönlichkeit des Sprechers hängen, ist die Wirkung auf die Unternehmensmarke ungeklärt. Wiedererkennbare Themen, verständliche Leistungsbezüge und Einblicke in die Arbeit des Teams können diese Verbindung unterstützen.

Die Konzentration auf wenige Personen schafft zugleich Abhängigkeiten. Wenn eine mühsam aufgebaute Wirkung mit einer Kündigung verschwinden kann, ist das ein guter Anlass, über die Konstruktion nachzudenken. Individuelle Glaubwürdigkeit sollte sich deshalb mit gemeinsamen Arbeitsweisen und überprüfbaren Leistungen verbinden. Ein persönlicher Kontaktpunkt wird so in eine umfassendere Erfahrung mit der Marke eingebettet.

Die Erfolgsmessung sollte vor dem Erfolg feststehen

Ein sinnvoller nächster Schritt wäre ein Vergleich in der eigenen Zielgruppe. Dafür ließen sich inhaltlich möglichst ähnliche Beiträge mit und ohne persönlichen Absender entwickeln und zufällig an vergleichbare Zielgruppen ausspielen. Thema, Format, Budget und Messzeitraum müssten möglichst konstant bleiben. Der Test würde die konkrete Gestaltung untersuchen, nicht sämtliche Wirkungen einer über Jahre gewachsenen Personenmarke.

Auch die Zielgrößen sollten vorab feststehen. Interaktionen je Impression oder erreichter Person helfen, unterschiedliche Ausspielung zu berücksichtigen. Befragungen können Markenverständnis und Vertrauen erfassen; qualifizierte Anfragen oder andere passende Zielhandlungen betreffen die geschäftliche Wirkung. Die Erfolgskennzahl erst nach Sichtung der Ergebnisse auszuwählen, erhöht vor allem die Wahrscheinlichkeit eines erfreulichen Abschlussberichts.

Der Klopp-Vergleich zeigt eine erhebliche Differenz in der Resonanz auf ausgewählte Inhalte. Die Forschung bietet mehrere Erklärungen dafür, wie Persönlichkeit, Bedeutung und Weitergabe zusammenwirken könnten. Welche davon im konkreten Fall tragen, bleibt eine empirische Frage.

Für Markenführung liegt die Aufgabe darin, die Erwartungen, die eine Person weckt, mit einer nachvollziehbaren Erfahrung des Unternehmens zu verbinden. Ein bekanntes Gesicht kann Aufmerksamkeit auf die Marke lenken. Was Menschen anschließend erleben, entscheidet darüber, ob die geweckten Erwartungen Bestand haben.

Das Publikum muss schließlich kein Markenhandbuch lesen, um festzustellen, ob ein Versprechen gehalten wurde.


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